Forschungsprojekte: laufend
Selbstinitiierte Behandlung mit Cannabis

Thema: Der Prozess der Akkulturation von Cannabis

 

Zielsetzung: Entstigmatisierung sowie Stärkung von Selbstermächtigung und Befähigung zu shared-decision-Making für AnwenderInnen von Cannabismedizin mit Hilfe einer internationalen Informations- und Kommunikationsplattform für CannabismedizinpatientInnen und deren Be-handlerInnen

 

Gesellschaftliche Relevanz:

Spätestens seit Anfang des neuen Jahrtausends ist weltweit der Prozess einer drogenpolitischen Neuregelung des Umgangs mit Cannabis in Gang gekommen. In einer Reihe von Ländern wurde Cannabis zunächst aus der Totalprohibition herausgenommen und über eine drogenpolitische Regulierung zumindest für eine medizinische Anwendung zugänglich gemacht. Darauf aufbauend haben in den letzten fünf Jahren weitere Länder auch die Umsetzung einer weitergehenden Regulierung in Angriff genommen, durch die Cannabis nunmehr auch für den Freizeitkonsum zugänglich wird. Diese drogenpolitischen Entwicklungen müssen als eine soziale Innovation mit außergewöhnlichen Ausmaßen verstanden werden, für die es keinerlei historischen Vorbilder gibt. Selbst das sogenannte „Noble Experiment“, mit dem die USA von 1920-1933 Alkohol unter Prohibition setzte, unterscheidet sich von diesen Entwicklungen grundsätzlich. Es war der Ver-such, Alkohol als eine über Jahrhunderte kulturell etablierte psychoaktive Substanz unter Total-verbot zu setzen. Dieses Experiment scheiterte nach nur 13 Jahren; seine Beendigung sollte noch langanhaltenden negative Folgewirkungen haben (vgl. Welskopp 2010).

Im Gegensatz dazu sollen mit der gegenwärtigen drogenpolitischen Neubewertung von Cannabis regulierte Zugänglichkeiten eröffnet werden für eine psychoaktive Substanz, die fast ein Jahr-hundert lang international und national unter einem (Total-)Verbot stand. Diese lange Zeit der Prohibition und das Wirken aller damit zusammenhängenden politischen, ökonomischen, soziale und kulturellen Konzepte und Dimensionen haben tiefe Spuren in den gesellschaftlichen Sys-temen und in den Denkmustern und Glaubenssätzen zu und über Cannabis hinterlassen. Soweit es jemals Wissen und Kenntnisse über diese Pflanze und deren Potenziale gegeben hat, sind diese in Vergessenheit gedrängt oder aber, wegen fehlenden wissenschaftlichen Interesses so überaltert, dass an diese bei der Klärung anstehender Fragen kaum angeknüpft werden kann. Rudimentär sind auch drogenkulturelle Regelungen und Gewohnheiten entwickelt, durch die das Verhalten der Menschen bei ihrem Umgang mit Cannabis geleitet und diese Droge in das Zusammenleben der Menschen passgerecht integriert wird. Informationsstrategien, über die Cannabis bis dahin immer nur als die heimtückische und verderbenbringende Droge mit Poten-zial zu Krankheit, Elend und Kriminalität gesehen werden konnte, haben Generationen von Menschen geprägt. Selbst ExpertInnensysteme, denen in den nun anstehenden Neubewertun-gen eine zentrale Rolle zukommt (u. a. MedizinerInnen/BehandlerInnen, TherapeutInnen, Juris-tInnen, LehrerInnen/ErzieherInnen) sind nun genötigt, diese Urteile nicht nur zu überdenken, sondern tatsächlich neu zu prüfen und ggf. radikal zu ändern.

Deutlich wird, dass mit der Überführung von Cannabis aus der Totalprohibition in einer Regulie-rung eine soziale Innovation in Gang gekommen ist, die radikale und weitreichende Anpas-sungsprozesse von Personen, sozialen Gruppen, kulturellen Milieus und institutionellen Gefüge notwendig werden lassen. Es geht um nichts weniger als um einen tiefgreifenden Kulturwandel, der sich über einen Prozess der Akkulturation vollzieht. Schon jetzt zeichnet sich überdeutlich ab, dass nicht nur eine völlig neue Industrie mit Produktion, Distribution, Handeln und Konsum-gütern entsteht. Notwendig werden zudem radikale Veränderungen u. a. in Bezug auf Wertvor-stellungen, Einstellungen, Sitten, Bräuche, Sprache, Technologien. Über Versuch und Irrtum sind zudem kulturelle, politische und ökonomische Praktiken zu entwickeln, mit denen die Integra-tion von Cannabis in das gesellschaftliche Leben gelingen kann und entsprechende Erfahrungen gesammelt, akkumuliert und für Lernprozesse zur Verfügung gestellt werden können. Dieser Prozess der Akkulturation wird wesentlich geprägt von der Bereitschaft zur Veränderung der jeweiligen Akteure zur Veränderung eigener Verhaltensweisen und von deren Mitwirkungshan-deln.

 

Es ist davon auszugehen, dass sich die notwendige Akkulturation nicht gleichzeitig und gleich-mäßig stark in der gesamten Breite der Gesellschaft vollziehen wird. Vielmehr werden es be-sondere Bedarfe sozialer Gruppen und kultureller Milieus sein, die diesen Prozess zu ausgewähl-ten Fragestellungen und in ausgewählten Bereichen auf besondere Weise vorantreiben. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Menschen, die von dem Rückgriff auf Cannabis für das Management von Krankheits- und Leidenszuständen deutlich profitieren können, zu den sozialen Gruppen mit einem besonderen Bedarf an Hilfe und Unterstützung gehören. Für diese PatientInnengruppe vollzieht sich der Prozess der Akkulturation von Cannabis mit der beachtlichen Intention, eine geradezu gegensätzliche Wahrnehmung von Cannabis vorzunehmen: Weg von der undifferen-ziert verpönten Droge hin zu einer Substanz mit Potenzialen als Heil- und Gesundheitsmittel. Die besondere Brisanz dieser Entwicklung, vor allem aber der mögliche außergewöhnliche Effekt für eine besonders vulnerable Personengruppe begründet das Ziel, den Akkulturationsprozess auch über Forschung und Entwicklung zu beschleunigen, um die potentiellen Möglichkeiten von Cannabismedizin schnell und in breiter Front für die Bereiche Behandlung, Pflege und Gesund-heitsförderung zu erschließen.

Mit diesem Ziel gilt es sowohl Wissen und Kenntnisse als auch Kommunikationsmittel zu entwi-ckeln, die Cannabismedizin-PatientInnen befähigen:

- Sich Wissen sowohl über die Potenziale als auch über die Herausforderungen von Can-nabis als Medizin anzueignen,

- Sich durch Information und Kommunikation zu emanzipieren und Stigmatisierungen selbstbewusst zurückzuweisen,

- Auf ihr Recht auf Freiheit zu bestehen, über das eigene Leben und damit auch über Be-handlungsoptionen entscheiden zu können,

- Respekt und Solidarität von ihren BehandlerInnen im Rahmen von shared-decision-making einzufordern, mit ihnen den Einsatz von Cannabismedizin sachgerecht abzuwägen und ein cannabisgestütztes Management von Krankheits- und Leidenszuständen bera-tend und/oder therapeutisch zu begleiten.